Der Lauterbacher Kinobetreiber Jürgen Ahlbrandt richtete seiner Alsfelder Kollegin Erika Kukla die Feier zum 70. Geburtstag aus - Übernahme im neuen Jahr

Roter Teppich für das Gruppenbild mit Damen
Als die Bilder laufen lernten, schuf der Mensch ein Paradies namens Kino; den Ort, wo Lachen und Weinen, Liebe und Hass ganz nah beieinander sind. Emotionen, Träume und Sehnsüchte spielen seit dem 5. Februar 1894, als in Manhattan die erste öffentliche Filmvorführung stattfand, auf Leinwänden die Hauptrollen. In Lauterbach und Alsfeld entstanden Mitte der 30-er Jahre auch „Filmpaläste“, wo internationale Diven und Filmhelden auf der Projektionswand gastierten und den Alltag sprengten. In beiden Städten würde ohne die Kinos ein Stück paradiesische Atmosphäre fehlen. Darüber waren sich die 40 geladenen Gäste des Lauterbacher „Lichtspielhaus“ einig - alles Menschen aus der Branche mit viel Sachverstand. Grund der Zusammenkunft: Der Lauterbacher Kinobesitzer Jürgen Ahlbrandt richtete seiner Kollegin Erika Kukla eine Feier zum 70. Geburtstag aus. Er wird das Alsfelder Kinocenter übernehmen.

Herzlicher Empfang am Lichtspielhaus
Mit einem Oldtimerbus wurden Kinochefin und Mitarbeiter in Alsfeld abgeholt. Erstmals in der langen Amtszeit der Kino-Betreiberin, außer Heiligabend, war das Kino geschlossen. Es gab aber einen weiteren Grund zur Zusammenkunft: Ahlbrandts Bekanntgabe, dass er in Alsfeld zum Jahresende die Kinogeschäfte übernehmen wird (die OZ berichtete). Für Erika Kukla, die im Alter von 44 Jahren ins Kinogeschäft einstieg und sich jetzt zurückziehen möchte, sowie für einige Filmverleiher ist der Lauterbacher Unternehmer ein Wunschkandidat und allererste Wahl zur Übernahme. Mitbewerber gab es einige, aber viele wollten die 18 Mitarbeiter nicht übernehmen. Nicht mit Erika Kukla: „Ohne Euch hätte ich kein Kino machen können“, sagte sie dankbar und freute sich, dass die Belegschaft ihr Aufgabengebiet auch unter der neuen Regie, behält.
„Ein funktionierendes System sollte man pflegen“, fügt der zukünftige Betreiber hinzu, der die Arbeitsweise der Grande Dame der Cineastenszene aus der Nachbarstadt sehr schätzt. Schon länger regelte Freundschaft und gegenseitige Unterstützung die Beziehung, die gut passt.
Alsfelder Kinobesucher verknüpfen den Namen Erika Kukla mit den neusten Filmhits, und der Name Jürgen Ahlbrandt steht mittlerweile für Mut zur Veränderung sowie das gewisse Etwas in Sachen Filmschmankerln. „In ihm habe ich einen Meister entdeckt und gefunden“, lautet das Urteil über den Kinomann, der hinter jedem großen, roten Vorhang eine Leinwand erwartet. „Kino macht man eben ganz oder gar nicht“, kamen schmunzelnde Erklärungsversuche für seine „Besessenheit“, und da laut seiner Ansicht Kinomenschen Fanatiker sind, schenkte er Erika Kukla neben der Geburtstagsfeier eine Flasche Crémant aus dem Weinberg von Gérard Depardieu, dem französischen Schauspieler, dem Fanatismus zu Weltruhm verhalf und der Dritte im Bunde der bekennenden Idealisten ist.

Eine Flasche Crémant aus dem Weinberg von Gérard Depardieu
Zur Feier des Tages und zur Einstimmung auf einen besonderen Abend wurden sinn- und humorvolle Kurzfilme gezeigt, bevor die Gesellschaft in das Restaurant „Casino 2010“ wechselte. Auf der Leinwand bestätigte sich der Filmtheater-Leitsatz: Große Emotionen haben nur in einem Kino - nicht in einem Wohnzimmer Platz. Aus großen Emotionen und vielen Filmen soll die gemeinsame Zukunft bestehen.

Augenweide: Sektempfang mit großen Gefühlen und kurzen Filmen
Durch den Zusammenschluss verändern sich die Verleihbedingungen zum Positiven. Das Angebot wird reichhaltiger, zeitnah und auch die Vorführmöglichkeiten in Lauterbach flexibler, zumal die Alsfelder Filmstätte aus drei Kinos besteht. Gute Zusammenarbeit und verbesserte Verleihbedingungen hat ein Teil der Verleiher bereits vor der Fusion signalisiert. „Es gilt, die Kinokultur an beiden Orten zu erhalten und zu verbessern“, lautet das erklärte Ziel des „Kinopaten“.

Aufmerksame Zuhörer nach den Tafelfreuden im Casino
Das Ziel gibt zum Teil Antworten auf die Frage: Warum baut Jürgen Ahlbrandt ein Geschäft aus, das seit der Erfindung des Videorekorders mit dem Tode bedroht wird? Totgesagte leben lang, und selbst im Zeitalter der Digitalisierung, in dem Filme über Internetleitungen transportiert werden, glaubt er an den Fortbestand der Kinos auf dem Lande. Lediglich verschließen darf man sich Neuerungen nicht und Investitionen werden erforderlich. Verstärkt sollen die Bereiche Open-Air-Kino und Kinderkino in Angriff genommen werden. Technische Möglichkeiten dazu sind in Lauterbach bereits vorhanden.

Ohrenschmaus: Flexaton begeisterte mit einem großen Repertoire
Mit der bevorstehenden bundesweiten Digitalisierung der gesamten Kinobranche soll auch die Qualität gesteigert werden. Jürgen Ahlbrandt hat sich schon von Anfang an mit diesem Thema intensiv beschäftigt und diese Technik im Lichtspielhaus zum Einsatz gebracht. Auch sonst ist mit seinem vollen Einsatz zu rechnen. Warum er mit Leib und Seele Kino macht, was für eine Lebenseinstellung dahinter steht, beantwortet er mit dem Schluss-Satz von Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“: „Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir in uns tragen, die Träume, die wir spinnen und die Sehnsüchte, die uns treiben… und damit wollen wir uns bescheiden!“ Die Zukunft der Vogelsberger Kinokultur bleibt spannend.
Von Gerhard Otterbein/Lauterbacher Anzeiger, Samstag 14. August 2010